The Big Sick

Aktuellen soziologischen Forschungen zufolge wird auf unserem Planeten sage und schreibe jede vierte Ehe familiär arrangiert, größtenteils betrifft dies die multiethnisch zusammengesetzten Länder Indien, Pakistan und Bangladesch, aber auch Staaten mit überwiegend muslimischer Bevölkerung. Freilich erscheint diese kulturell tief verwurzelte Praxis aus mitteleuropäischer Perspektive her nicht nur antiquiert, sondern auch unvorstellbar, dennoch hat nicht erst die Flüchtlingsdebatte dazu beigetragen, sich mit ebendieser weitreichenden Wertevorstellung auseinanderzusetzen. Ebendiese gewinnbringende Diskussionsbasis macht sich Michael Showalter in seiner erst zweiten Regieführung auf Leinwandebene im Zusammenspiel mit einem tatsachenbasierten, charmanten Originaldrehbuch zunutze und bebildert in „The Big Sick“ eine unmittelbar aus dem Leben gegriffene Story, die nicht von ungefähr von Seiten der Academy bedacht worden ist und sich in angenehmer Weise vom Sammelsurium an baugleichen Komödienkonstrukten mit scheinbarem Lebensweltbezug abhebt.

Bereits im Rahmen des letztjährigen „Sundance Festival“ und somit zum frühestmöglichen Award-Zeitpunkt uraufgeführt, konzentriert sich die Handlung auf die als One-Night-Stand beginnende Romanze zwischen dem pakistanischen Nachwuchs-Comedian Kumail und der energiegeladenen, US-Amerikanerin Emily, die nicht zuletzt aufgrund traditionell bedingter Schranken jäh auf eine harte Probe gestellt wird. In den Grundzügen erinnert „The Big Sick“ insbesondere im Hinblick auf die Diskrepanzen zweier grundverschiedener Kulturkreise an den sprühend komischen Erfolgsfilm „My Big Fat Greek Wedding“, der seinerzeit ebenfalls eine hochverdiente Oscarnominierung für das „Beste Original-Drehbuch“ generierte. Im konkreten Fall ist die Atmosphäre deutlich melancholischer angeordnet und interessiert sich spürbar für die Gefühle, Beweggründe und Zwickmühlen der schrittweise involvierten Protagonisten. Die unaufdringliche Inszenierung zeichnet sich in geradezu heilsamer Weise durch Unsentimentalität aus und verzichtet dabei erfreulicherweise vollständig auf schenkelklopfenden oder sogar derben Humor, den man vom beteiligten Produzenten Judd Apatow vielfach gewöhnt ist. Dennoch weist das autobiographische Skript selbst in den ernsten Phasen rund um die Peripetie einen feinfühligen Humor auf und unterhält interessanter Weise gerade in den Momenten am wirkungsvollsten, die sich fernab der Chicagoer Stand-Up-Comedy-Umgebung abspielen. Zutage tretende, konsequent zu Ende gedachte, ironische Anspielungen (wie zum Beispiel auf die immer stärker hinterfragte, medizinisch Behandlung) sowie die Empathie der Schauspielerriege tragen dazu bei, dass man den Film gewisse Anlaufschwierigkeiten und die für Genremaßstäbe nicht gerade unbedachte Länge verzeiht. Während Kumail Nanjiani schnell zum uneingeschränkten Sympathieträger avanciert und aufgrund der persönlichen Bezüge zu seiner eigenen Vita das Gefühl vermittelt, nicht nur zu schauspielern, sondern vielmehr zu instruieren und Adeel Akhtar wie schon in „Victoria & Abdul“ gewinnbringende Sidekicks liefert, sorgte die Darstellung von Zoe Kazan wiederholt für ein gewisses Maß an Ernüchterung, da es ihr nicht konsequent genug gelang, glaubwürdig und mit dem notwendigen Fokus zu agieren. Demgegenüber offeriert die in „Das Piano“ schauspielerische Qualitäten einer ganz eigenen Dimension liefernde Holly Hunter kurz vor ihrem inzwischen 60. Geburtstag die mit Abstand wertvollste und vielschichtigste Performance des Ensembles und mutiert schon nach wenigen Augenblicken zum Herz des darstellerorientierten Films, der auch in Gestalt von Ray Romano zwei ungeahnt starke, nachwirkende Sequenzen erhält.

Trotz kleinerer Mankos stellt „The Big Sick“ eine unaufgeregte, wahrhaftige, lehrreiche und gleichermaßen bewegende wie amüsante Tragikomödie dar, die keinen Klischees nachrennt, in ausgewogenem Maße sowohl für Selbstbestimmung als auch für Akzeptanz wirbt und den empfänglichen Zuschauer lehrt, wie essentiell es ist, stets im Hier und Jetzt zu leben und zwischenmenschliche Konflikte schnellstmöglich ins Reine zu bringen. Dass Holly Hunter die angemessene Würdigung in Form einer weiteren Oscarnennung verwehrt worden ist, mutet zwar bedauerlich an, dennoch erfreut insbesondere der Umstand, dass die Academy das Werk trotz seines frühen Kinostarts noch im filmischen Gedächtnis hatte.

USA 2017 – 120 Minuten
Regie: Michael Showalter
Genre: Tragikomödie / Romanze
Darsteller: Kumail Nanjiani, Zoe Kazan, Holly Hunter, Ray Romano, Bo Burnham, Anupam Kher, Adeel Akhtar, Aidy Bryant, Rebecca Naomi Jones, Kurt Braunohler, Shenaz Treasury