Die Verlegerin (OT: The Post)

„Die Presse dient nicht den Regierenden, sondern den Regierten.“ So lautet einer der wohl markantesten Sätze inmitten von Steven Spielbergs inzwischen 33. (!) Regiearbeit auf Kinoebene, welcher den Grundtenor des tatsachenbasierten Werks rund um die Veröffentlichung der brisanten „Pentagon Papers“, das von Seiten des „National Board Of Review“ den prestigeträchtigen Hauptpreis erhielt und obendrein sechs Golden-Globe-Nennungen generieren konnte, treffend zusammenfasst. Der Zuspruch der Academy-Mitglieder hielt sich jedoch in äußersten Grenzen, denn angesichts von nur zwei Oscarnominierungen blieb „Die Verlegerin“ weit hinter den allseitigen Erwartungen zurück. Nicht nur wegen dieser Divergenz erfüllte einen die Inaugenscheinnahme mit einer gewissen Neugier, sondern auch aufgrund des ersten direkten Aufeinandertreffens der Schauspiel-Giganten Tom Hanks und Meryl Streep vor der erstklassig geführten Kamera. Im unverkennbaren Stil einer geschichtsaufarbeitenden Studie mit Dokumentationscharakter inszeniert, vermag das dialogreiche Historiendrama vor allem Politikinteressierte anzusprechen und zeichnet sich dabei durch eine ungewohnt ruhige Hand nahezu sämtlicher Beteiligter aus.

Mehr als vier Jahrzehnte vor dem globalen Publikwerden des Whistleblowers Edward Snowden erschütterte die Preisgabe vertraulicher Informationen des Weißen Hauses über den fast zwanzig Jahre andauernden Vietnamkrieg die US-amerikanische Gesellschaft und beförderte Diskurse zur Pressefreiheit. Dass „Die Verlegerin“ ausgerechnet im ersten, skandalträchtig überstandenen Präsidentschaftsjahr des dauer-twitternden Donald Trump erschien, wirkt dabei keinesfalls als unwillkürlich, sondern warnt den Zuschauer in Form unverkennbarer, personeller Parallelen vor der Gefahr der Herabsetzung souveräner Grundwerte. Nach spannungsgeladenem Start entladen sich vor allem drei Elemente mit ungeahntem Aktualitätsbezug besonders eindringlich in den vielschichtigen Wortwechseln, und zwar die politische Verschleierungstaktik, das unternehmerische Konkurrenzdenken und nicht zuletzt die in vielen Köpfen verhaftete Belächelung von Frauen in Führungspositionen. Dieser Brückenschlag lässt auch den Umstand verzeihen, dass es der ersten, zwischen Thriller und Politdrama pendelnden Filmhälfte gelegentlich am erzählerischen Drive mangelt, den man von Spielberg normalerweise gewöhnt ist. Dem zweiten Akt gelingt ebendiese Gradwanderung zwischen den Genres erheblich besser und insbesondere der Schlussakt mutet im Hinblick auf seinen Spannungsfaktor geradezu hervorragend an, während speziell die Qualität des Kameraeinsatzes und einer der wohl besten Schnittarbeiten des Jahres zu fesseln vermag. Für William’sche Verhältnisse mutet der Soundtrack beinahe schon als in angenehmer Weise zurückhaltend an und läuft vermutlich mit gewinnbringendem Sorgfalt erst im abschließenden Drittel zur Höchstform auf. Angesichts des deutschen Titels erscheint es allerdings ein Stück weit verwunderlich, warum der Charakterentwicklung der Protagonistin Katharine Graham weniger Raum zugestanden worden ist als jener des Journalisten Ben Bradlee.

Die Verlagerung des psychologischen Fokus‘ von Katharine Graham auf den Herren an ihrer Seite ist wahrscheinlich auch ursächlich dafür, dass es Tom Hanks gestattet wird, die mit Abstand stärkste Performance seit „Road To Perdition“ vor fünfzehn (!) Jahren zu offerieren. Ihm gelingt es mit scheinbarer Mühelosigkeit und unerwarteter Authentizität, nahezu jede Szene an sich zu reißen und bleibt nicht nur dank seiner Mimik im Gedächtnis. Die nunmehr 21-fach für den wichtigsten Filmpreis der Welt vorgeschlagene Meryl Streep bietet wie grundsätzlich immer eine souveräne Performance mit uneingeschränkten Gespür für Timing sowie den Duktus der Zeit. Abgesehen von drei Sequenzen, in denen sie ihre vollständige Brillanz abrufen kann, hält sie der Präsenz ihres Drehpartners allerdings nicht konsequent genug stand, weswegen es einem Jahr voller meisterhafter Hauptdarstellerinnen bedauerlich erscheint, dass Judi Dench oder Diane Kruger eine Oscarnominierung verwehrt geblieben ist. Neben einer Vielzahl an sehenswerten Auftritten eines eingespielten, profilierten Ensembles bleibt vor allem Bob Odenkirk in Erinnerung.

Inmitten einer ausbaufähigen Saison beschert Spielbergs „Die Verlegerin“ dem Publikum möglicherweise nicht das potentielle Glücksgefühl, welches man sich angesichts des qualifizierten Teams erhofft hatte, nichtdestotrotz stellt der seit Kurzem auch hierzulande veröffentlichte Film einen essentiellen, unmittelbar am politischen Zeitgeist orientierten Beitrag dar, der im Gegensatz zu vielen anderen Spartenvertretern nicht nur ein gewisses Maß an Geduld, sondern auch Antizipation abverlangt. Die Nominierung in der Königskategorie wirkt in diesem Zusammenhang angebracht und auch Tom Hanks hätte sich als überaus würdiger Oscarkandidat erwiesen…

USA 2017 – 117 Minuten
Regie: Steven Spielberg
Genre: Historiendrama
Darsteller: Meryl Streep, Tom Hanks, Bruce Greenwood, Alison Brie, Carrie Coon, David Cross, Tracy Letts, Bob Odenkirk, Sarah Paulson, Jesse Plemons, Michael Stuhlbarg