Shape Of Water – Das Flüstern Des Wassers (OT: The Shape Of Water)

Mit dreizehn Oscarnominierungen nebst sieben Nennungen im Rahmen der Golden-Globe-Verleihung und einem dutzendfachen Zuspruch von Seiten der britischen Academy lief „Shape Of Water“ seiner filmischen Konkurrenz in quantitativer Hinsicht regelrecht davon und generierte immense Erwartungen. Der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro Gómez schnupperte bereits vor zwölf Jahren mittels „Pan’s Labyrinth“ erstmals Oscar-Luft und charakterisierte seine inzwischen zehnte Leinwandproduktion selbst als seinen bisher persönlichsten Film und eine besondere Herzensangelegenheit. Ebendiese Selbsteinschätzung mutete vorab nicht nur als interessant an, sondern im Nachhinein sogar als verwunderlich, da die gebotene Geschichte rund um die Annäherung eines Menschen und einer Amphibiengestalt geradewegs in die Richtung eines modernen Märchens für ein erwachsenes Publikum driftet, das in vielen Belangen kaum unkonventioneller und symbolistischer hätte geraten können und dennoch sowohl den unverkennbaren Geist Jahrzehnte alter Hollywoodklassiker involviert als auch gesellschaftliche Relevanz aufzeigt.

Inmitten einer gefährlichen Phase des Kalten Kriegs, ungefähr zeitgleich zur Kubakrise angesiedelt, offeriert die Grundkonstellation in Folge einer bezaubernden Eröffnungssequenz ein hohes Maß an Sozialkritik und mündet schrittweise in eine bis ins kleinste Detail durchdachte Parabel, die für ein Überdenken des häufig rücksichtslosen, von Überlegenheitsgefühlen bestimmten Umgangs der menschlichen Spezies mit der allzu vergänglichen Umwelt plädiert. Des Weiteren entspricht es mitnichten einem reinen Zufall, dass eine seit dem juvenilen Alter stumme, isoliert lebende Reinigungskraft sowie ihre dunkelhäutige Kollegin, ein erfolgloser, homosexueller Künstler im fortgeschrittenen Alter und eine mysteriöse, in einem Forschungslabor gefangene Kreatur aus dem Regenwald des Amazonas sich schrittweise miteinander solidarisieren, sondern zelebriert in geradezu genialer Weise die Bedeutung der Andersartigkeit. Darüber hinaus gelang es del Toro abgesehen von minimalen Redundanzen in der Filmmitte meisterlich, Elemente verschiedener Sparten zu einer homogenen Einheit zu verbinden, weswegen sich spannungsreiche Sequenzen, intelligente Dialoge, wiederkehrender Humor und ein fortwährendes, psychologisches Interesse an den Beweggründen sämtlicher Charaktere wohldosiert entfalten können. Wenn man sich ferner vor Augen führt, dass das Produktionsbudget nicht einmal 20 Millionen US-Dollar betrug, mutet insbesondere die visuelle, von Grün-und Blautönen zehrende Gestaltung als hervorragend an, denn die aufwendigen Szenenbilder, die bravouröse Arbeit der Maskenbilder und Effektspezialisten sowie die hypnotisch-geduldige Kameraperspektive fesseln mit unbändiger Bildgewalt. Weiterhin sind Alexandre Desplats meisterhaft arrangierte, geheimnisvolle und extrem variable Kompositionen, die sowohl klassisch-orchestrale Stücke als auch Melodien aus dem zeittypischen Chanson- und Jazz- und Musicalmetier enthalten, erhaben und stellen sogar innerhalb der an Höhepunkten nicht gerade armen Diskographie des Franzosen einen Karriere-Zenit dar. Ähnliches trifft auf die universelle Präsenz der Hauptdarstellerin zu, denn Sally Hawkins avanciert in der doppelt herausfordernden, vollständig wortlosen Rolle zum uneingeschränkten Zentrum des Werks und erinnert aufgrund ihres Einfühlungsvermögens für die Gedankenwelt ihrer hin- und hergerissenen Figur an Holly Hunters Glanzleistung in „Das Piano“, die ebenfalls allein mit Mimik und Gestik brillieren konnte. Auch der facettenreich agierende Richard Jenkins hat sich seinen Platz unter den besten fünf Darstellern des Jahres redlich verdient, während Michael Shannon aufgrund der internen Konkurrenz vermutlich nur knapp an seiner dritten Oscarnominierung vorbei geschlittert sein dürfte, denn er zeigt erneut eine herausragende Darbietung, die sich durch glaubhafte Eiseskälte auszeichnet und seinen Ruf als einer der talentiertesten Nebendarsteller unserer Zeit unterstreicht. Letzten Endes vermochte sogar die von mir häufig gescholtene Octavia Spencer in Funktion eines sympathieträchtigen Sidekicks positiv zu überraschen, wenngleich die Nominierung der Academy sicherlich diskutabel sein dürfte.

In Gestalt von „Shape Of Water“ hat Guillermo del Toro ein sprichwörtliches „Brett“ geschaffen, das sowohl in schauspielerischer als auch in handwerklicher Hinsicht nahezu keinerlei Wünsche offen lässt und uns erneut vor Augen führt, dass Logik im Leben bisweilen etwas Sekundäres darstellen sollte und die menschlichen Sehnsüchte genauso unverformbar und kraftvoll wie das Element Wasser sind. Dies alles setzt jedoch voraus, sich auf die sich nicht dem Massengeschmack anbiedernde Thematik vollends einlassen zu wollen. Im Hinblick auf die kommende Nacht darf „Shape Of Water“ qualitativ auf Augenhöhe mit „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ verortet werden, weswegen der Zweikampf zwischen beiden Werken sich als besonders spannend erweisen dürfte.

USA 2017 – 123 Minuten
Regie: Guillermo del Toro
Genre: Fantasy / Drama
Darsteller: Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Doug Jones, Michael Stuhlbarg, David Hewlett, Nick Searcy, Stewart Arnott, Nigel Bennett, Martin Roach