Alle Beiträge von Stefan

Schloss aus Glas (OT: The Glass Castle)

Seit gestern sind die Kandidaten der diesjährigen Golden Globes nunmehr allen begierigen Filmfans offenbart worden und sorgten für mehrere Überraschungen. Rückblickend und mit gewissem zeitlichem Vorlauf betrachtet, hätten viele sicherlich auch eine Produktion auf dem sinnbildlichen Nominierungszettel verortet, welche hierzulande bis dato immerhin 100.000 Zuschauer in Programmkinos zu locken vermochte. Nach dem von Kritikern wie auch von den meisten Kollegen unseres Forums hochgelobten, von mir persönlich jedoch nicht sonderlich geschätzten „Short Term 12“ erschien vor Kurzem Crettons inzwischen dritter Spielfilm, der erneut in die häufig zu Unrecht belächelte Sparte eines Independent-Filmes fällt und sich eine gewinnbringende Vorlage zu eigen macht. Basierend auf dem autobiographischen, Kindheitserinnerungen aufgreifenden Roman von Jeannette Walls gleichen Titels, welcher bei seiner Erstpublikation vor 11 Jahren wochenlang sämtliche Beststellerlisten dominierte, bebildert eine unkonventionelle Geschichte und lehrt den geduldigen Zuschauer vor allem in nachwirkender Form, dass die Familie ein voranbringendes, häufig jedoch ebenso dysfunktionales und unauswählbares Gefüge darstellt…
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Aus dem Nichts (OT: In the Fade)

Die offizielle, deutsche Entsendung für die Kategorie „Bester Fremdsprachiger Film“ erlebte seine Uraufführung bereits unter Beifallsbekundungen in Cannes und heimste den „Prix d’interprétation féminine“, was gerade hierzulande aufhorchen ließ, da es sich dabei um die deutschstämmige Diane Kruger handelte. Ungewöhnlich spät startete „Aus Dem Nichts“ schließlich am vergangenen Donnerstag auch offiziell in den meisten Kinos der Bundesrepublik. In Gestalt von „Gegen Die Wand“ und „Auf Der Anderen Seite“ kreierte der Deutsch-Türke Fatih Akin bereits zwei im multikulturellen Milieu spielende Werke, welche geradezu exzellente Kritikermeinungen generieren konnten, doch die Sichtung seiner inzwischen neunten Regieführung erscheint gerade dann als spannendes Unterfangen, wenn man bezüglich beiden Genannten über keinerlei Kenntnis verfügt. Akin selbst beschrieb sein dem eigenen Stil treubleibendes Werk als einen „Clash zwischen staatlicher Justiz und individuellem Gerechtigkeitsgefühl“ und trifft damit die in vielen Belangen unangenehme Quintessenz, die trotz reduzierter Actionszenen sowohl dröhnende Spannung als auch psychologische Dichte im Hinblick auf einen Bombenanschlag und seine einschneidenden Konsequenzen entfaltet und den Zuschauer unruhig zurücklässt…
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Die Verführten (OT: The Beguiled)

Ungewöhnlich lange betrug die Zeit des Zögerns im Hinblick auf die Inaugenscheinnahme der Literaturverfilmung „Die Verführten“, die bereits im Rahmen der Filmfestspiele an der Côte d‘Azur uraufgeführt worden ist und seitdem nur eine äußerst limitierte Kinoveröffentlichung erfuhr. Sofia Coppolas vor nunmehr 11 Jahren unternommener Ausflug ins historische Genre namens „Marie Antoinette“ bildete in der Tat den Hauptgrund dafür, denn dieses Werk hatte abgesehen von exklusiven Kostümen leider auf qualitativer Ebene nicht viel zu bieten. Dass Coppola in Cannes jedoch als erst zweite Frau überhaupt den Preis für die „Beste Regieleistung“ entgegennehmen durfte, erweckte andererseits gleichermaßen Ehrfurcht als auch Neugier. Zweifelsohne erfordert die nunmehr siebente Kinoproduktion der gebürtigen New Yorkerin sowohl Einlassungsbereitschaft als auch Geduld, die letzten Endes Belohnung erfahren, denn die Neuadaption stellt eine düstere, ungeahnt moderne Parabel für die Bedeutung von Geschlechtersolidarität und die möglichen Konsequenzen enttäuschten Verlangens dar. Massenkompatibel mag der Anderthalbstünder sicher wieder einmal nicht sein, nichtdestotrotz merkt man ihm in angenehmer Weise an, dass darin auch nicht die vordergründige Zielsetzung bestand.

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Film des Monats: Mord Im Orient-Express (OT: Murder On The Orient Express)

Für gewöhnlich war der November ein Kalendermonat, dem man trotz des unangenehmen, nasskalten Wetters mit immenser Spannung und Vorfreude entgegenblicken durfte, da das Kinoprogramm einen ersten, qualitativen Zenit entfalten konnte, indem eine ganze Anhäufung potentieller Anwärter auf diverse Filmpreise ihren Einzug in die hiesigen Lichtspielhäuser fand. In diesem Jahr scheint dies im Hinblick auf die aktuellen Zuschauerlisten ganz offensichtlich eher weniger der Fall zu sein, dennoch sorgte zumindest der Starttermin von „Mord Im Orient-Express“ aufgrund des geradezu gigantischen Trailers für ein hohes Maß an Vorfreude. Bis dato wurde der vielleicht meistgelesene Roman aus der veritablen Bibliographie von Agatha Christie (1890 – 1976) insgesamt drei Mal für Leinwand und Fernsehen adaptiert, jedoch noch nicht in derart theatralischer Manier. Ersterdings bildete jedoch das beeindruckende Schauspielensemble, bestehend aus insgesamt sechs oscarnominierten Mimen, respektive zwei Siegerinnen, einen der Hauptgründe für die Sichtung des Werkes, das seit dieser Woche hierzulande einer Betrachtung unterzogen werden kann.

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The Party

Vor inzwischen exakt 25 Jahren wurde Sally Potter in Gestalt ihres historischen Filmdramas „Orlando“ als seinerzeit erst zweite Frau überhaupt für eine Oscarnennung in der Regiesparte gehandelt, hatte jedoch bekanntermaßen das Nachsehen. Seither veröffentlicht die Britin im ungefähren Vierjahresrhythmus zumeist für ein anspruchsvolleres Publikum bestimmte Produktionen mit geringem Budget, die allerdings vermehrt mit namhaften Schauspielern besetzt werden konnten. Dieser Präferenz bleibt Potter mit „The Party“ auf ganzer Linie treu, der bereits auf der diesjährigen Berlinale uraufgeführt wurde. Nach der Sichtung des als „Komödie im Schlafrock einer Tragödie“ zu kennzeichnendes Werkes zogen viele Kritiker Parallelen zum meisterhaften, ebenfalls vollständig in Schwarzweiß gedrehten Kammerspiel „Wer Hat Angst Vor Virginia Woolf?“ oder aber zu Polanskis „Der Gott Des Gemetzels“, welcher wiederum über eine ähnlich kurze Laufzeit verfügt. Mit den Genannten kann „The Party“ im Hinblick auf die inhaltliche Güte zwar nicht konkurrieren, dennoch wird darin ein absolut vergnüglicher, erfrischender und in vielen Belangen makabrer Schlagabtausch entfaltet.

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Victoria & Abdul

Zugegebenermaßen befindet sich die aktuelle Filmpreis-Saison noch im symbolischen Stadium eines Kokons, dennoch entwickelte sich langsam eine latente Sehnsucht nach einem besonderen Filmbeitrag, der sowohl den Intellekt, die Körpersinne als auch das Herz in gleichem Maße zu erfreuen vermag. Nach einem diesbezüglich entbehrungsreichen Sommer gelang diese schwierige Aufgabe nun endlich einem Werk „made in Britain“, dessen Premiere ich mir bereits vor Veröffentlichung des ersten Trailers im Terminkalender feuerrot angestrichen habe und aus mehreren Gründen eine hohe Erwartungshaltung generierte. In Gestalt der inzwischen dritten Zusammenarbeit von Dame Judi Dench und Regie-Ass Stephen Frears schlüpft Erstgenannte ein weiteres Mal in die großen Fußabdrücke von Königin Victoria (1819 – 1901), die einem gesamten Zeitalter der ökonomisch-kulturellen Blüte den Namen verlieh und das Empire unfassbare 63 (!) Jahre regierte. Roman- und tatsachenbasiert, entführt Frears, der im Rahmen der Filmfestspiele von Venedig einen Sonderpreis für seinen außergewöhnlichen Beitrag zur Innovation des zeitgenössischen Kinos erhielt, das Publikum mit seiner inzwischen 23. Regierarbeit zurück in das scheidende 19. Jahrhundert und kreierte eine erlebnisreiche Mischung verschiedener Genres, welche sich nicht nur von unbändiger Stilsicherheit, schöngeistigen Witz und einem erfrischenden Ensemble getragen wird, sondern auch ungeahnte, zutiefst berührende Gegenwartsrelevanz ausstrahlt, die seine rundum gelungenen Vorgängerwerke „Philomena“ und „Florence Foster Jenkins“ letzten Endes auf die Plätze verwies.

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Bullyparade – Der Film

„Der Schuh Des Manitu“ und „(T)Raumschiff Surprise“ lockten damals in Summe (für heutige Verhältnisse unfassbare) zwanzig (!) Millionen Kinozuschauer in die nationalen Lichtspielhäuser und vor allem Letztgenannter bildete in der Tat eines der komödiantischen Highlights meiner ganz persönlichen Teenagerzeit, der einen regelrechten Orkan an Gelächter auslöste. Das 20-jährige Ausstrahlungsjubiläum der Sketchcomedy-Serie „Bullyparade“ bot schließlich die direkte Steilvorlage für das nunmehr veröffentlichte, gleichnamige und von vielen heiß erwartete Revival in Spielfilmlänge. Den Vorschusslorbeeren konnte Herbigs Parodie jedoch auch mit größtem Wohlwollen kaum gerecht werden und präsentierte stattdessen episodischen, recycelnden Klamauk mit erstaunlich kurzer Halbwertszeit.

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Tulpenfieber (OT: Tulip Fever)

In Form von „Die Schwester Der Königin“ sowie „Mandela: Der Lange Weg Zur Freiheit“ gelang es dem britischen Landsmann Justin Chadwick bereits, zwei respektable Produktionen vor geschichtsträchtiger Kulisse zu inszenieren, die sich ein höheres Maß an medialer Beachtung redlich verdient hätten. Mit seiner nunmehr vierten Regieführung bleibt er dem Genre weiterhin treu, beschäftigt sich allerdings erfreulicherweise mit einem Abschnitt europäischer (Regional-)Historie, der auf der Leinwand zur Verwunderung bis dato weitestgehend ignoriert worden ist. Angesichts dessen und des überaus namhaften Ensembles durfte – oder besser gesagt musste – man sich besonders lange auf den als potentiellen Oscarkandidaten gehandelten und bereits Anfang des Jahres 2016 abgedrehten Film namens „Tulpenfieber“ freuen, dessen Veröffentlichung aus unerfindlichen Gründen mehrfach verschoben wurde. Entgegen des weitläufigen Tenors sorgte die Inaugenscheinnahme der opulenten Verfilmung des gleichnamigen Romans für einen Kinoabend, an dem das Gefühl der Zufriedenheit eindeutig überwogen hat, denn die handwerkliche Aufmachung und darstellerische Sphäre wussten nahezu uneingeschränkt zu überzeugen.

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Film des Monats: „mother!“

Im Rahmen der schillernden Venezianischen Filmfestspiele vor ausgewähltem Publikum uraufgeführt, kristallisierte sich überaus schnell heraus, dass es sich im Falle des mit Horrorelementen ausgestatteten Psychothrillers „mother!“ um eine gewagte Filmproduktion handelt, die sowohl mit vereinzelten Stehenden Ovationen gewürdigt als auch mit Buhrufen gebrandmarkt wurde und demzufolge zum Kreis der Werke der diesjährigen Saison avancieren dürfte, an dem sich die Geister am stärksten scheiden dürften… Mit „Noah“ wagte sich der meinerseits aufgrund von „Black Swan“ hochgeschätzte Darren Aronofsky vor drei Jahren an einen klassischen Bibelmythos und scheint offensichtlich neben der Ausformung psychotischer Stoffe ein Faible für religiöse Sujets entwickelt zu haben. Dennoch würde es einer unangemessenen Verunglimpfung gleichkommen, „mother!“ lediglich als überfrachteten Pseudo-Biblizismus abzutun, da überdies auch andere, dunkle Wege beschritten worden sind. Aronofsky jedenfalls beweist mit seiner inzwischen siebenten Regierführung vor allem, dass er als Filmschaffender zutiefst unberechenbar ist, ihm allerdings keinesfalls mangelnde Konsequenz vorzuwerfen ist. Dieses Faktum wiederum bildet die maßgebliche Ursache dafür, dass die Genremischung vielen Zuschauern schlaflose Nächte bereiten dürfte und auch auf persönlicher Ebene zu den bisher verstörendsten Kinosichtungen überhaupt gezählt werden kann.
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Die Schlösser Aus Sand (OT: Les Châteaux De Sable)

In diesem Kalenderjahr macht sich die Anwesenheit des alljährlichen, inzwischen fest etablierten „Sommerloches“ allem Anschein nach besonders erbarmungslos bemerkbar, denn angesichts eines spärlichen Filmangebotes liegt mein letzter Kinobesuch in Form der Neuverfilmung von „Die Schöne Und Das Biest“ bereits weitaus mehr als ein Quartal zurück. Heute jedoch wurde ebendiese Durststrecke von einem, im hiesigen Arthaus-Programm vorgeführten Film beendet, dessen lyrisch klingender Titel allein ein gewisses Maß an Neugier hervorrief. In seinem erst zweiten Leinwandwerk namens „Die Schlösser Aus Sand“ bebildert Regisseur Olivier Jahan die schwierige Beziehung der getrennt lebenden Mittdreißiger Éléonore und Samuel zueinander, die nach dem Tod eines Familienmitgliedes an die nordwestliche Küste Frankreichs reisen, um das elterliche Haus zu verkaufen. Was bezüglich der Handlungsstruktur zunächst wie eine klassische Literaturverfilmung anmutet, basiert jedoch erfrischender Weise einmal auf einem Originaldrehbuch und überzeugt in turbulenten, dynamischen Zeiten durch ein ungemeines Gespür für Ruhe, Wehmut, Tragikomik und Unsentimentalität.

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